Das waren die Werkstattgespräche zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

In dieser Woche fand an der HMKW Berlin die Gesprächsreihe zum 30. Jahrestag des Mauerfalls statt. Hochschullehrende schilderten ihre eigene Wahrnehmung der damaligen politischen Ereignisse und diskutierten mit dem Publikum.

Werkstattgespräche zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Prof. Dr. Ronald Freytag: „Es war Zeit, Gesicht zu zeigen...die Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4.11.1989“

Hochschulkanzler Prof. Dr. Ronald Freytag machte den Anfang und sprach in seinem anschaulichen und sehr persönlichen Vortrag über die Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz, an der er am 04.11.1989 als Student teilnahm. Die Massenkundgebung war mit rund 500.000 Teilnehmenden die größte Demonstration in der DDR. Sie blieb glücklicherweise friedlich, auch wenn die DDR-Führung laut Freytag auf ein gewaltsames Eingreifen vorbereitet gewesen sei.

Ronald Freytag war als Sprecher der oppositionellen Studierendenbewegung der Humboldt-Universität in den illustren Kreis der Redner/innen eingeladen worden, unter ihnen Christa Wolff, Heiner Müller und Gregor Gysi. Offen appellierte er an die Studierenden aller anderen ostdeutschen Universitäten, sich gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit zusammenzuschließen.

Prof. Dr. Markus Ziener: „Fall of the wall...not in my lifetime“

Prof. Dr. Markus Ziener arbeitete bei einer Mainzer Lokalzeitung, als er von der Maueröffnung hörte. Im Gespräch mit Dozent Felix von Stutterheim berichtete er, dass er es selbst nie für möglich gehalten hätte, den Mauerfall noch mitzuerleben. Er war von diesem historischen Ereignis so beeindruckt, dass er sofort seine Stelle im Westen Deutschlands kündigte und bereits wenige Wochen später als Wirtschaftskorrespondent des Handelsblatts aus Ostdeutschland berichtete.

Auch in persönlicher Hinsicht berührte Markus Ziener die Teilung Deutschlands. Sein Patenonkel lebte in Naumburg an der Saale, und erst in den 1980er Jahren konnte Ziener ihn besuchen. Seine Erinnerungen an diese Zeit verarbeitete er in seinem Roman „DDR, mon amour“ (PalmArtPress, 2018), aus dem er bei seinem Gespräch einen Textauszug las. Insbesondere die anwesenden internationalen Studierenden hatten hierzu natürlich viele Fragen.

Prof. Dr. Sebastian Köhler: "Grenzenlose Pressefreiheit? Als Volontär unterwegs in Thüringen zwischen Mauer und Marktwirtschaft“

Wie wirkte sich der Mauerfall auf die Presselandschaft aus? Prof. Dr. Sebastian Köhler hat die Zeit kurz vor und nach dem 9. November 1989 in Thüringen erlebt. Hier war er als Volontär für die Tageszeitung „Das Volk“ tätig. Im Gespräch mit Dozent Jost Listemann berichtete er, wie er seinen journalistischen Alltag erlebte. Kritik an politischen Belangen musste meist eher unterschwellig erfolgen – die Kunst des „zwischen den Zeilen Lesens“ blühte.

Vor allem die Monate direkt nach dem Mauerfall bleiben für Sebastian Köhler unvergesslich: Medienschaffende verfügten über nahezu grenzenlose Pressefreiheit und konnten – befreit von Vorschriften und Regeln – selbstverantwortlich Inhalte recherchieren und veröffentlichen. Der Wandel kam jedoch, als nach der Wende ostdeutsche Tageszeitungen unter den großen westdeutschen Verlagen politisch aufgeteilt wurden. Eine Entwicklung, die man auch heute noch spürt, so Köhler. Die Pressebranche sei nach wie vor stark westlich geprägt. Viele Ostdeutsche fühlten sich nicht repräsentiert. Sein abschließendes Fazit: „Es wird Zeit, dass wir nicht nur immer die Unterschiede sehen, sondern uns mehr darauf konzentrieren, von unseren Unterschieden zu lernen.“

Doz. Jost Listemann: „From my point of view that applies immediately – The Fall of the Wall at Checkpoint Bornholmer Straße“

Dozent Jost Listemann, der die Werkstattgespräche zum 30. Jubiläums des Mauerfalls initiiert hat, schloss die gelungene Gesprächsreihe mit seinem eigenen Vortrag über den denkwürdigen Tag der Öffnung der Mauer ab, den 9. November 1989. Listemann lebte zu diesem Zeitpunkt in West-Berlin und machte sich gleich, als sich die Nachricht verbreitete, auf den Weg zum Grenzübergang Bornholmer Straße. In seinem Vortrag widmete er sich vor allem der unterschiedlichen Berichterstattung auf West- und Ostseite und berichtete von seinen eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen an diesem historischen Abend.

Angeregt durch weltweit verbreitete TV-Aufnahmen, in denen auch Listemann selbst als junger Mann in der friedlichen Menschenmenge zu erkennen ist, berichteten die etwas älteren Zuhörenden aus dem Publikum von ihren eigenen Gefühlen und Erlebnissen an diesem Wendepunkt der Geschichte. Eindrucksvoll schilderten sie die große Unsicherheit über die weitere Entwicklung der politischen Verhältnisse, und die Zweifel, ob die Grenzöffnung wirklich dauerhaft bestehen bleiben und der friedliche Umbruch Bestand haben würde.